Antrag für

die Aufnahme der Friedhofskultur in Deutschland in die

UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit

 

Kurzbeschreibung

 

Die Friedhofskultur in Deutschland umfasst vielfältige kulturelle Ausdrucksformen: von den Ritualen der individuellen Trauerverarbeitung – mit der Beisetzung auf dem Friedhof als zentralem Handlungsrahmen – über die Gestaltung der Gräber als kleine Gärten der Erinnerung bis hin zur Nutzung des Kulturraums Friedhof als sozialer Begegnungsstätte und kulturellem Veranstaltungsort. Mit der Friedhofskultur in Deutschland sind zudem besonderes Wissen und Fertigkeiten in den Bereichen Bestattung, Landschaftsplanung, Gärtnern und Steinmetzhandwerk verbunden. Diesen Kulturraum prägen dabei nicht nur städtische oder christliche Friedhöfe, sondern auch jüdische und muslimische.

Unsere Friedhofskultur ist über Jahrhunderte gewachsen. Davon legen zum Beispiel alte Friedhöfe beeindruckendes Zeugnis ab – viele sind kulturell und historisch bedeutend. Die Pflege der Friedhofskultur ist somit auch ein aktiver Beitrag zum Denkmalschutz. Literarische Quellen bezeugen den Wandel der Trauerrituale in den jeweiligen Epochen. Die Friedhofskultur in Deutschland ist so kein statisches Gebilde, was die sich im Laufe der Zeit wandelnden Gestaltungskonzepte belegen. Aktuell lassen sich Veränderungsprozesse an der Zunahme der Urnenbestattungen und den neuen Einflüssen durch Menschen mit Migrationshintergrund beobachten.

Die individuelle Gestaltung der Gräber im Deutschland als gärtnerische Anlage verbunden mit steinbildhauerischen Elementen – eingebunden in eine Parklandschaft – ist einzigartig und unterscheidet sich beispielsweise deutlich von mediterranen oder osteuropäischen Traditionen. Unsere Friedhofskultur ist dabei regional geprägt: So sind in Norddeutschland naturbelassene Findlinge als Gedenksteine beliebt, während in Bayern vor allem steinbildhauerische Arbeiten das Bild prägen.

Unsere Friedhofskultur wird aktiv von den Nachfahren der Verstorbenen, ihren Freunden und Verwandten gestaltet. Im Zentrum des Abschiednehmens stehen regional unterschiedlich geprägte Trauerrituale wie das Verfassen von Trauerbriefen, das Schmücken von Särgen, das Singen bei Trauerfeiern, das Verfassen von Trauerreden, die Rituale am offenen Grab, der Leichenschmaus, das Verfassen von Danksagungen. Bei der Ausgestaltung der Trauerrituale zeigt sich das ganze Wissen und Können der begleitenden Bestatter.

Die Beisetzung selbst wird von speziellen Kulturtechniken wie Trauerrede, Trauerfloristik oder Trauermusik geprägt. Es folgt das Gestalten der Gräber mit gärtnerischer Grundanlage, Auswahl von Pflanzen und Materialien sowie dem Gedenkstein mit individueller Beschriftung. Hier fällt den Handwerkskünsten der Friedhofsgärtner und der Steinmetze bzw. Steinbildhauer eine besondere Rolle zu, die mit Wissen, Können und Erfahrung sowie Kreativität und künstlerischem Ausdrucksvermögen vielerorts beeindruckende Gedächtnislandschaften schaffen. Diese stellen bereits an sich einen einzigartigen kulturellen Wert dar, zu dem auch Friedhofsverwalter/ innen und Fördervereine einen wichtigen Beitrag leisten. Die individuell angelegten und geschmückten Gräber fügen sich zu einem facettenreichen Gesamtbild, das seit Jahrhunderten Zeitgeist und Gestaltungsvorlieben unseres Landes spiegelt.

Die Grabstelle entwickelt sich zum Ort der Erinnerung, der oft gemeinschaftlich aufgesucht und gepflegt wird. Die Friedhofkultur in Deutschland erweist sich als sozialer Begegnungsrahmen, der Kommunikation fördert und der Vereinsamung Alleinstehender entgegenwirkt. Grabbesuche mit Kindern und Jugendlichen sind oft mit der Weitergabe von Wissen über das Leben und Wirken der Vorfahren verbunden. Nicht zuletzt ermöglichen Grabbesuch und –pflege Naturerfahrungen wie das Erleben des Werdens und Vergehens im jahreszeitlichen Zyklus oder Tierbeobachtungen.

Die Rituale auf dem Friedhof fördern die aktive Auseinandersetzung mit Kernfragen nach dem Sinn des Lebens. Menschen erfahren die Friedhöfe als sichtbaren, sich stets fortschreibenden Ausdruck der deutschen Erinnerungskultur – als Geschichtsbücher unseres Landes, unserer Städte, unserer Dörfer. Nicht zuletzt mahnen Soldatenfriedhöfe zu Frieden und Völkerverständigung.

Die individuell gelebten Rituale ergänzen gemeinschaftliche Sitten und Gebräuche an Feiertagen wie dem Volkstrauertag oder dem Totensonntag. Besonders sichtbares Beispiel sind die Lichtermeere zu Allerheiligen, die seit langem schon über alle Konfessionsgrenzen hinweg die Friedhöfe illuminieren.

In den letzten Jahren öffnet sich der Kulturraum Friedhof anderen kulturellen Ausdrucksformen mit Konzerten, Lesungen, Filmen, Ausstellungen, Theateraufführungen oder Lichtinstallationen. Einige dieser Veranstaltungen haben ihren festen Platz in den Kulturkalendern von Städten und Gemeinden und sind dort fest im kulturellen Leben verankert.

Insgesamt präsentiert sich so die Friedhofskultur in Deutschland als äußerst lebendiges Kulturgut, dessen identitätsstiftende Kraft herausragend und schützenswert ist.

 

 

Befürwortung des Antrages und Empfehlungsschreiben von Prof. Norbert Fischer, Universität Hamburg.

Befürwortung des Antrages und Empfehlungsschreiben von Prof. Reiner Sörries, ehemaliger Direktor des Museums für Sepulkralkultur.

Antrag in voller Länge.

Ansprechpartner


Initiative Kulturerbe Friedhof
Tobias Pehle
Tresckowstraße 33
20259 Hamburg
Tel.: 0700 37 7000 37
info@kulturerbe-friedhof.de